Reinventing the Wheel – CO2 Kompensation in der Transport- und Logistikbranche

Bewegungen wie „Fridays for Future“ und das Klimaabkommen von Paris aus dem Jahr 2016 haben dafür gesorgt, dass Klimaschutz und insbesondere die damit einhergehende Reduktion sowie Kompensation von Treibhausgasen innerhalb der letzten Jahre in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt ist. Die gesamte Transport- & Logistikbranche steht vor der Herausforderung, eine nachhaltige Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen (THG) innerhalb der aktuellen Geschäftsmodelle zu realisieren.

Der Handlungsbedarf zeigt sich in besonderem Maß in der Logistikbranche, da in der hoch entwickelten, arbeitsteiligen und international vernetzten Weltwirtschaft Verkehr nicht zu vermeiden ist. Insbesondere der grenzüberschreitende Güterverkehr bildet die Grundlage für die globale Versorgung von Industrie, Handel und Bevölkerung. Je enger dabei die Handelsverflechtungen zwischen einzelnen Regionen sind, desto mehr Güter- und Personenverkehr findet statt.

Nachhaltigkeit: Bewertungsfaktor für Logistikleistungen

Die zunehmende Intensivierung des Güteraustausches durch Globalisierung spiegelt sich auch darin wider, dass gemäß Studien des World Economic Forum (WEF) mittlerweile mehr als 5,5 Prozent aller CO2-Emissionen weltweit durch die Transportindustrie verursacht werden. Dementsprechend gehören zunehmend auch Logistikprozesse als wichtiger Teil zu einer Klimaschutzstrategie der verladenden Wirtschaft. Immer mehr Logistikunternehmen beschäftigen sich deshalb mit der Frage, wie sie Emissionen spürbar reduzieren können. Einerseits, weil sie ihr Unternehmen als Vorreiter positionieren wollen, andererseits, um auf mögliche Anforderungen der Politik effektiver zu reagieren. Ein Beispiel für diese Anforderungen sind die kürzlich beschlossenen Maßnahmen der International Maritime Organization (IMO) zur Reduktion von CO2-Emissionen in der Schifffahrt ab 2023 um bis zu 50 Prozent und eine Energieklassifizierung der Schiffe anhand ihres CO2-Ausstoßes. Kundinnen und Kunden, Geschäftspartnerinnen und -partner sowie Investorinnen und Investoren fordern von Unternehmen, sich mit konkreten CO2-Reduktionszielen und Bekenntnissen zum Klimaschutz zu positionieren. Sie sollen deutlich machen, welche Auswirkungen diese neuen Verpflichtungen auf das eigene Geschäftsmodell und den kurz- und langfristigen Unternehmenswert haben werden. Der transparente Ausweis von THG-Emissionen und die glaubwürdigen Bemühungen um deren Reduktion sind somit längst zu einem essenziell wichtigen Verkaufsargument der eigenen Dienstleistung innerhalb der Logistikbranche und zu einem Bestandteil der Bewertung von Logistikunternehmen geworden.

Erster Schritt zu umweltfreundlicher Logistik: Emission von Treibhausgasen exakt bemessen

Um einen Überblick für interne und externe Interessensgruppen über die eigenen THG-Emissionen und mögliche Einsparungspotenziale zu ermöglichen, sollte in einem ersten Schritt deren Kalkulation unter Einbezug aller relevanten Faktoren erfolgen. Logistikunternehmen müssen zwischen den direkten und indirekten Emissionen unterscheiden. Die direkten Emissionen werden beispielsweise von Transportmittel, Ladung, Entfernung und Kraftstoffverbrauch getrieben. Die indirekten Emissionen entstehen durch die Herstellung von Strom, Kraftstoffen oder die Produktion des jeweiligen Transportmittels. Um eine europäisch einheitliche Berechnung nach vergleichbaren Standards zu gewährleisten, wurde die DIN EN 16258 eingeführt. Diese Norm beschreibt im Detail die Vorgehensweise, nach der der Energieverbrauch und die Treibhausgasemissionen für Transportdienstleistungen zu berechnen sind. Um Unternehmen effektiv bei der Messung Ihrer THG-Emissionen zu unterstützen, bietet beispielsweise DHL mit dem Carbon Calculator ein integriertes Online-Tools zu deren Berechnung. Auch das Umweltbundesamt (hier abrufbar) bietet, genauso wie diverse Unternehmen, Möglichkeiten zur Kalkulation von THG-Emissionen unter Einbezug unternehmensspezifischer Details auf seiner Website. Besonders wichtig ist bei deren Nutzung, alle relevanten unternehmensspezifischen Informationen detailliert bereitzustellen, da anderenfalls das Ergebnis der Emissionskalkulation je nach Anbieter unterschiedlich ausfällt.

Ansätze für die Entwicklung zu klimaneutraler Logistik

Aufbauend auf der Ermittlung der ausgestoßenen Treibhausgase können Unternehmen Maßnahmen zur nachhaltigen Reduktion von THG-Emission implementieren. Diese Maßnahmen umfassen vor allem interne Veränderungen und Umstrukturierungen, wie beispielsweise den vorwiegenden Einsatz von Elektrofahrzeugen innerhalb der Fahrzeugflotte, die Nutzung effizienterer Motoren oder die Verwendung alternativer Kraftstoffe. Besonders der Güterverkehr auf der Straße im Rahmen der sogenannten „letzten Meile“ bietet die Möglichkeit für innovative Ansätze, um THG-Emissionen einzusparen. Innerhalb der Bemühungen, alle logistikbezogenen Dienstleistungen bis 2050 klimaneutral (Netto-Emission-Null) anzubieten, hat DHL 2016 beispielsweise mit der Entwicklung eigener Elektrofahrzeuge für die Sendungszustellung begonnen und erarbeitet mit seinen Kundinnen und Kunden innovative Lösungen zur nachhaltigen Reduktion des Ausstoßes von THG.

Speziell in der Luft- und Seefahrt sind Innovationen technischer Art nicht einfach und schnell zu implementieren. Deshalb hat in diesen Sektoren innerhalb der letzten Jahre die freiwillige Kompensation von THG-Emissionen zusätzlich zur Entwicklung neuer Antriebstechnologien, wie beispielsweise Wasserstoff-Batterie-Hybridlösungen in der Schifffahrt oder der Entwicklungen synthetischer Kraftstoffe in der Luftfahrt, an Bedeutung gewonnen. Die freiwillige Kompensation von THG-Emissionen basiert grundsätzlich auf dem Prinzip, dass es auf globaler Ebene nicht relevant ist, wo Treibhausgase entstehen und wo und in welcher Form sie ausgeglichen werden. Demnach können die durch das Unternehmen kalkulierten Emissionen entweder durch die Umsetzung eigener Klimaschutzprojekte oder durch den Erwerb von Emissionsminderungsgutschriften (zumeist als Emissionszertifikate bezeichnet) aus nachhaltigen Projekten von Partnern wie Klimaschutzorganisationen ausgeglichen werden. So bietet Lufthansa beispielsweise innerhalb des Compensaid-Programms in Zusammenarbeit mit der Klimaschutzorganisation myclimate seinen Kundinnen und Kunden gegen die freiwillige Zahlung eines Aufpreises beim Ticketkauf die Möglichkeit, die während der Flüge ausgestoßenen THG mittels eines Wiederaufforstungsprogramms zu kompensieren. Alternativ wird die Möglichkeit geboten, mittels Einspeisung von CO₂-neutralem, synthetischem Kerosin die Emissionen auszugleichen.

Nachhaltige Transformation in Transport & Logistik

Zahlreiche Unternehmen und Organisationen haben sich auf die Kompensation von THG-Emissionen durch den Verkauf von Emissionszertifikaten aus Klimaschutzprojekten, vornehmlich in Entwicklungsländern, spezialisiert. Ein allgemeingültiger internationaler Standard für Klimaschutzprojekte existiert jedoch noch nicht. Auch eine umfassende Verifizierung dieser Projekte durch unabhängige Organisationen findet nur eingeschränkt statt. Obwohl Klimaschutzorganisationen dazu beitragen, THG-Emissionen auf globaler Ebene zu kompensieren, sollten sich unternehmensindividuelle Anstrengungen und Investitionen vorrangig darauf konzentrieren, die eigenen THG-Emissionen mittels Umstrukturierungen und Innovationen innerhalb der eigenen Prozesse zu reduzieren und zu vermeiden. Interne Maßnahmen bieten die Chance, sowohl langfristige Einsparungspotenziale zu identifizieren als auch Maßnahmen gezielt zu implementieren. Nur so können Unternehmen im Transport- & Logistik-Sektor einen glaubhaften Wandel zu ökologischeren und nachhaltigeren Geschäftsmodellen schaffen, von dem sie unter finanziellen und imagerelevanten Gesichtspunkten profitieren. Eine Umsetzung von klimaschützenden Maßnahmen auf Unternehmensebene spielt darüber hinaus für die nichtfinanzielle Berichterstattung im Rahmen des Jahresabschlusses eine zunehmend wichtigere Rolle. Die EU-Kommission geht mit dem Aktionsplan „Sustainable Finance“ und der Konkretisierung der nichtfinanziellen Unternehmensberichterstattung durch unver­bindliche Leitlinien weitere Schritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Unter­nehmens­führung. So sollen klimabezogene Informationen sowohl die wesentlichen Risiken für den Geschäftsverlauf, das Geschäftsergebnis und die Lage des Unternehmens, die aus dem Klimawandel entstehen, umfassen als auch wesentlichen Risiken einer negativen Auswirkung auf das Klima, die durch die Tätigkeit des Unternehmens entstehen.

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