Eine Branche im Umbruch – Geschäftsmodellbezogene Veränderungen bei Versicherungsunternehmen

08.12.2017 | Erik Barndt, Florian Lindner

In der Finanzbranche im Allgemeinen und bei Versicherungen im Speziellen geraten gängige Geschäftsmodelle zunehmend unter Druck – eine Entwicklung, die durch den Wandel technologischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen bedingt ist.

Für Versicherungen stellt dies zunächst ein Risiko dar; unter den neuen Rahmenbedingungen zeichnet sich eine geringe Tragfähigkeit klassischer Geschäftsmodelle wie der Lebensversicherung ab. Die Veränderungen können jedoch auch als Chance aufgefasst werden, da sich umgekehrt die Möglichkeit ergibt, neue Wege zu gehen. Hier stellt sich die Frage, welche innovativen Geschäftsmodelle bereits in der Versicherungsbranche genutzt werden bzw. welche Entwicklungen sich abzeichnen. Der Beitrag geht dieser Frage nach.

Ursachen geschäftsmodellbedingter Veränderungen bei Versicherungsunternehmen

Der sich in der Versicherungsbranche vollziehende Umbruch ist hauptsächlich auf drei Faktoren zurückzuführen: technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen.

Im Bereich der technologischen Rahmenbedingungen ist die Entwicklung digitaler Kanäle maßgeblicher Treiber der Veränderung. Im wirtschaftlichen Umfeld führt vor allem die anhaltende Niedrigzinspolitik der Notenbanken zu Anpassungsdruck in der Branche. Den Versicherern fällt es zunehmend schwer, am Kapitalmarkt adäquate Renditen zu erwirtschaften und Lebensversicherungen mit attraktivem Garantiezins anzubieten. Bestand, Versicherungsverträge und Neuverträge in der LV sind deshalb in den letzten Jahren stark rückläufig. Bei den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind veränderte Kundenbedürfnisse Treiber des Wandels, hier vor allem die zunehmende Akzeptanz und Nutzung digitaler Kommunikation. Eine empirische Untersuchung zeigt, dass die Mehrheit der Versicherten internetbezogenen Kommunikationskanälen die größte Bedeutung beimisst (vgl. Bain & Company, Versicherungen: Die digitale Herausforderung, 2013, S. 4). Darin kommt das Bedürfnis zum Ausdruck, jederzeit mit dem Versicherer in Kontakt treten und selbst entscheiden zu können, wann und wo Verträge abgeschlossen werden. Tradierte Formen der Akquise/ des Vertriebs und des Kundenmanagements haben gegenüber Online-Portalen vor diesem Hintergrund das Nachsehen. Die mit dem Aufkommen von Vergleichsportalen einhergehende erhöhte Verfügbarkeit von Daten sowie das stärkere Transparenzbedürfnis von Kunden führen zu erhöhter Preissensitivität und geringerer Loyalität, auf die es sich einzustellen gilt. Erhöhte Kundenanforderungen bestehen auch im Bereich der Produktgestaltung: Hier erwarten die Kunden genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Versicherungsprodukte.

Ein reiner Kostenfokus bei Versicherern kann diesen Veränderungen nur schwer gerecht werden. Der Schlüssel zu nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen liegt vielmehr in der Innovationskraft, hier vor allem in der Fähigkeit, neue, an die sich wandelnden Rahmenbedingungen angepasste Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dies wird umso wichtiger, da tradierte Versicherungsmärkte Sättigungstendenzen aufweisen und die durch Digitalisierung sinkenden Markteintrittsbarrieren zu erhöhtem Wettbewerbsdruck führen.

Veränderungen als Chance: Neue Geschäftsmodelle in der Versicherungsbranche

Die veränderten Kundenbedürfnisse und neue Technologien bieten umgekehrt das Potenzial, neue Geschäftsmodelle in der Versicherungsbranche erfolgreich zu entwickeln und umzusetzen.

Hierzu zählen vor allem:

1. Telematik-Versicherungen

2. Kurzzeitversicherungen

3. „Smart Contracts“ bzw. parametrische Versicherungsprodukte

Telematik, allgemein verstanden als die Verknüpfung von Telekommunikation und Informatik, kommt in jüngerer Zeit verstärkt zur Entwicklung neuer Versicherungsformen zum Einsatz, vor allem im Bereich der Kfz-Versicherung. Bei der sogenannten „usage-based insurance“ bzw. „pay as you drive“ werden die Prämien anhand der Fahrweise des Versicherten individuell berechnet. Dabei werden Daten zum Fahrverhalten (z. B. zu Geschwindigkeit, Bremsverhalten, Nachtfahrten, Beschleunigung u. Ä.) gespeichert, übermittelt und ausgewertet, um einen risikoangepassten Tarif zu berechnen. Neben einer kundenindividuellen Ausgestaltung des Tarifs kann so auch ein Beitrag zu sicherem Fahrverhalten und weniger Unfällen geleistet werden. Telematik-Dienste können auch in anderen Versicherungssparten eingesetzt werden, wie z. B. der Krankenversicherung. Unter dem Schlagwort „pay as you live“ werden über Gesundheits-Apps Daten zu Ernährung, Sport, Schlafverhalten u. Ä. gespeichert und an Dienstleister oder direkt an den Versicherer übermittelt. Diese werten die Daten aus und erstellen auf dieser Basis ein Gesundheits-Rating, welches unmittelbar in den berechneten Tarif fließt. Durch die neuen Möglichkeiten im Bereich der IT können Kundendaten gesammelt und ausgewertet werden, um so über die individuelle Prämienkalkulation den geänderten Kundenbedürfnissen gerecht zu werden.

Eine Möglichkeit, Daten aus Social Media mit dem von Kunden geforderten Online-Direktvertrieb zu kombinieren, ist das Anbieten von sog. Kurzzeitversicherungen. Im Rahmen des Marketings bzw. Vertriebs können durch Berücksichtigung von (öffentlich zugänglichen) Posts in Social Media (z. B. zu geplanten Urlauben) Kundenwünsche ermittelt und darauf zugeschnittene Versicherungen angeboten werden.

Diese situativen, kurzfristigen Versicherungsbedarfe lassen sich mit Kurzzeitversicherungen decken, die eine spontane Absicherung für einen Wochenendtrip u. Ä. via App oder online ermöglichen. Das InsurTech „AppSichern“ bietet in Zusammenarbeit mit verschiedenen Versicherern z. B. eine 24-Stunden-Versicherung für die Überlassung eines Autos an einen nicht versicherten Dritten oder eine Auslandskrankenversicherung für Last-Minute- Auslandsreisen. Da Kurzzeitversicherungen weniger komplex sind und mit weniger Seiten Vertragstext auskommen als konventionelle Produkte, eignen sich erstgenannte auch besser für einen Vertragsabschluss via Smartphone, da auch dann die Übersichtlichkeit noch gegeben ist.

Neue Technologien (Stichwort Apps zur Schadenmeldung via Smartphone) ermöglichen ferner Effizienzgewinne und erhöhte Transparenz in der Schadenmeldung sowie -abwicklung, hier vor allem durch sog. „smart contracts“ bzw. parametrische Versicherungen, die auf der Blockchain-Technologie basieren. Bei einer Blockchain handelt es sich um eine Datenbank, in der laufend Messdaten zu ausgewählten Transaktionen durch verschiedene Parteien gebucht bzw. eingespeichert werden. Indem jede Transaktion auf der vorherigen aufbaut, wird eine Verifikation vergangener Transaktionen ermöglicht, während die Einsehbarkeit der Blockchain durch alle Beteiligten Manipulationen erschwert. Im Rahmen von Versicherungen kommen Blockchains zur Aufzeichnung und Speicherung von versicherungsrelevanten Ereignissen zum Einsatz, um im Schadensfall eine automatisierte, extern verifizierbare Schadenmeldung abzugeben.

Die Einsatzgebiete im Bereich Versicherung sind dabei vielfältig. Im Rahmen der Kompositversicherung gibt es mittlerweile die Möglichkeit, Versicherungen gegen Ernteausfälle über Blockchain abzuwickeln. Dabei messen auf den Ackerflächen platzierte Sensoren über einen bestimmten Zeitraum hinweg die Niederschläge und senden diese Messdaten in die Blockchain. Wird ein bestimmter Niederschlagswert unterschritten, kommt es automatisch zur Schadenmeldung, -bearbeitung und -zahlung, ohne dass Gutachter eingeschaltet werden müssten. Dies spart Zeit und Geld, eine interne Verifikation des Schadens ist aufgrund der in der Blockchain gespeicherten Informationen ferner überflüssig. Eine weitere Einsatzmöglichkeit nutzt das InsurTech „InsurETH“, das Flugversicherungen auf Basis der Blockchain anbietet. Hier werden Daten zu Verspätungen und/ oder dem Ausfall von Flügen gesammelt, um Schäden automatisch abzuwickeln. Auch Haushaltsgeräte bzw. Hausratversicherungen können von dieser Technologie Gebrauch machen. Unter dem Stichwort „Internet der Dinge“ ist es bereits jetzt möglich, Haushaltsgeräte wie Kühlschränke an das Internet anzuschließen und Daten über diese zu erfassen und in der Blockchain zu speichern. Dadurch können Schadenfälle direkt erkannt, verifiziert und Schadenzahlungen geleistet werden.

Erhöhte Bedeutung von InsurTechs

Die oben genannten Veränderungen führen insgesamt zu einem starken Bedeutungszuwachs von InsurTechs für die Versicherungswirtschaft und bestehende Versicherungsunternehmen. So wuchsen die weltweiten Investitionen in InsurTechs in Q2 2017 auf insgesamt US-$ 985 Mio., womit sie deutlich über den gesamten Investitionen der drei vorangegangenen Quartalen liegen (US-$ 784 Mio. für die Quartale Q3 2016, Q4 2016 und Q1 2017). In diesem Zusammenhang gehen viele InsurTechs mit klassischen Versicherern geschäftsmodellbezogene Kooperationen ein, was einen Unterschied zu den stärker als Disruptoren geltenden FinTechs des Bankensektors darstellt. Innovative Versicherungsprodukte können so auf Basis neuer Technologien mit traditionellen und breites Vertrauen genießenden Versicherern verknüpft werden, um Verbraucher noch besser zu erreichen. InsurTechs kommt somit die Rolle des „enablers“ zu, die Versicherungsunternehmen helfen, ihre Produkte und Prozesse zu verbessern.

Die Allianz kooperiert z. B. mit Simplesurance, die eine Software zur sofortigen Versicherung eines im Internet gekauften Artikels anbietet. Das InsurTech „One“ bietet vollständig digitale Versicherungen an. Auswahl, Abschluss und Bezahlung sollen innerhalb von drei Minuten möglich sein, während über Schadenzahlungen überwiegend Algorithmen entscheiden (siehe oben). Als Kooperationspartner wurde die Münchener Rück gewonnen, die nun für Simplesurance Rückversicherungen anbietet.

Bei Wefox, einer unabhängige Serviceplattform mit mehr als 100.000 Kunden, können Versicherte ihre Verträge/Versicherungspolicen mittels App oder Web-Lösung verwalten, vergleichen und Änderungen vornehmen. Bei beratungsintensiven Produkten besteht sogar die Möglichkeit, sich persönlich beraten zu lassen. Dadurch integriert das InsurTech digitale Technologien mit der bestehenden Expertise von Versicherungsmaklern und Versicherungsgesellschaften. Die Beispiele verdeutlichen, dass die Verzahnung von klassischen Versicherern und InsurTechs auf dem rasant wachsenden digitalen Markt für Versicherungen weiter zunehmen wird.

Fazit

Die Ausführungen verdeutlichen, wie technologische Veränderungen bzw. Kooperationen mit InsurTechs genutzt werden können, um effiziente, auf Kundenbedürfnisse zugeschnittene Versicherungsprodukte zu entwickeln. Trotz der vielfältigen, sich ergebenden Nutzungsmöglichkeiten wird das traditionelle Geschäftsmodell von Versicherungen, z. B. im Vertrieb, nicht obsolet. Digitale Kommunikationskanäle sind als Ergänzung im Sinne einer Omnikanalfähigkeit zu sehen, die den klassischen Direktvertrieb über Makler in absehbarer Zeit nicht vollständig werden ersetzen können. Die Möglichkeit, Versicherungen über Apps abschließen zu können, stößt vor allem bei komplexen Versicherungsprodukten, die eine intensive Beratung erforderlich machen, an Grenzen. Nichtsdestotrotz müssen sich Versicherer jetzt aktiv darum bemühen, die internen Voraussetzungen organisatorischer, IT-technischer und personeller Natur zu schaffen, um auf dem ständig wachsenden digitalen Versicherungsmarkt bestehen zu können.

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