Ridepooling: Routinierte Mobilität mit attraktiven Lösungen verändern

Wie müssen Mobilitätsangebote gestaltet werden, damit sich Verbrauchergewohnheiten wirklich ändern? Können vernetzte Services Städte von dem ewigen Stau durch PKW-zentrierten Individualverkehr entlasten? Und welche Hürden müssen Anbieter zukunftsweisender Mobilitätslösungen überwinden, um Kunden*innen für sich zu gewinnen?

Diese und andere Fragen haben wir Robert Henrich, CEO des Mobilitätsdienstleisters MOIA, gestellt. Das Gespräch führte Dr. Christian Back, Partner von Mazars in Deutschland sowie Global Head of Automotive der internationalen Mazars Gruppe.

Welchen Ansatz verfolgt MOIA und wie unterscheidet sich Ihre Mobilitätsdienstleistung von anderen Mobilitätsangeboten?

MOIA steht für Mobilitätskonzepte, die unsere Städte zu lebenswerteren Orten machen. Unser Angebot ist eine Mobilitätsdienstleistung, die Autofahrer*innen vom Umstieg überzeugen soll und aus der Perspektive von Städten relevant ist. Es ist unser Ziel, eine Lösung für effizienten städtischen Verkehr anzubieten und zur Steigerung der Lebensqualität in Städten beizutragen.

Ein Blick auf die heutige städtische Mobilität zeigt die Ansatzpunkte von MOIA: Heute werden mit rund 70 Prozent die mit Abstand meisten Kilometer in der Stadt mit dem privaten PKW zurückgelegt. Rund 20 Prozent übernimmt der ÖPNV, der die Beförderung von Personen bündelt. Wir haben uns gefragt, wie wir die Vorteile vom privaten PKW und ÖPNV vereinen können. Die Lösung hierfür ist Ridepooling.

Mit diesem Ansatz, bei dem wir für eine Fahrt, die jemand per App beauftragt hat, auch weiteren Gästen die Mitfahrt anbieten, unterscheiden wir uns von Ridehailing-Angeboten. Mit Ridepooling belegen wir freie Plätze auf einer Fahrt mit zusätzlichen Mitfahrern und gestalten diese dadurch insgesamt effizienter. Ridehailing, die über eine App gebuchte individuelle Personenbeförderung durch Privatpersonen, ist in Regionen wie China und den USA bereits sehr etabliert. Es ist jedoch aufgrund vieler Leerfahrten ineffizient.

Der Mobilitätsmarkt 2020: zwischen Routine und Lockdown

Wie würden Sie den aktuellen Status-quo im Hinblick auf neue Mobilitätsangebote beschreiben?

Der Blick auf den europäischen Markt zeigt, dass es kaum neue Geschäftsmodelle gibt, die im Hinblick auf die Zukunft des Verkehrs heute schon relevant sind und sich etabliert haben. Der Markt der Mobilitätsdienstleistungen steht noch ganz am Anfang, ist jedoch aufgrund eines gestiegenen Nachhaltigkeitsbewusstseins und der gewünschten Gestaltung unserer Städte als Lebensraum politisch relevant. Je größer die Städte, desto stärker gelten Stau und die ineffiziente Auslastung als zentrale Herausforderungen. Entsprechend wichtig sind attraktive Mobilitätsangebote, die mit dem Auto mithalten können. Dieser Wandel wird ein Prozess von mehreren Jahren und eine Frage geeigneter Angebote sein. Wir müssen die Torte, die sich auf Mobilitätsdienstleistungen verteilt, erst einmal generieren.

Jeder Autofahrer kennt die Nachteile des PKW im Stadtverkehr: verlässlicher Stau in Stoßzeiten, Abbau von Parkraum, Umweltbelastungen. Warum ist es so schwierig, Menschen für alternative Mobilitätskonzepte zu begeistern?

Das Mobilitätsverhalten von Konsumenten ist hochgradig routinisiert. Das heißt, dass kaum jemand bei jedem Weg, den sie oder er zurücklegen will, überprüft, welches Fortbewegungsmittel das schnellste und günstigste ist. Üblicherweise legen Menschen immer wieder identische Wege zurück und haben bereits lange vorher entschieden, welche Verkehrsmittel sie dafür nutzen.

Dieses Verhalten wird durch die in der Vergangenheit getroffenen Kaufentscheidungen unterstützt: Besitzer*innen von Monatskarten-Abonnements nutzen den ÖPNV, Autofahrer*innen haben ihr Fahrzeug vor einiger Zeit mit einer hohen Investition erworben, die variablen Kosten für einzelne Fahrten sind relativ gering. Das Verhalten dieser beiden Gruppen wird sich nur ändern, wenn es Anbieter mit preislich attraktiven und verlässlichen Angeboten sowie Lösungen gibt, die Mobilitätsangebote miteinander vernetzen. Auch unter diesen optimalen Voraussetzungen ist es bis zu einer relevanten Nutzung alternativer Mobilitätsdienstleistungen noch ein langer Weg.

Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Sie nach dem Ende des Lockdowns und welche langfristigen Auswirkungen wird die Corona-Krise auf die Mobilität von Menschen in den Städten haben?

Im ersten Lockdown ist der Mobilitätsbedarf sehr stark gesunken und erholt sich auch nur langsam wieder. Dabei ist ein klarer Trend zu individueller Fortbewegung zu erkennen: Die Menschen nutzen verstärkt wieder ihre privaten PKW und das Radfahren erlebt einen Boom. Ob diese Entwicklungen langfristig sind, ist schwer zu sagen. Wichtig ist, dass der politische Wunsch zu einer Verkehrswende erhalten bleibt.

Die Effizienz des Verkehrs können wir mit Ridesharing-Angeboten unterstützen. Gleichzeitig muss die Attraktivität des Autofahrens eingeschränkt werden, damit sich neue Mobilitätsmodelle durchsetzen. Hier ist die politische Regulierung mit Maßnahmen wie City Maut, autofreien Innenstädten und dem Rückbau von Parkflächen gefragt. Erst wenn Autofahren in der Stadt erschwert wird und gleichzeitig verlässliche und flächendeckende Mobilitätsangebote zur Verfügung stehen, gibt es den notwendigen Mix aus Push und Pull, den es für den Wandel benötigt.

Herausforderungen für neue Anbieter von Mobilitätsservices

Welche Voraussetzungen unterstützen die Akzeptanz zukünftiger Mobilitätsservices bzw. aus der Perspektive der Anbieter: Welche Hürden müssen sie nehmen, um sich am Markt zu etablieren?

Grundsätzlich funktionieren Mobilitätsservices umso besser, je höher die Bevölkerungsdichte ist. Je mehr Menschen die zugehörigen Fahrzeuge – Autos, Scooter, Fahrräder – nutzen, desto wahrscheinlicher ist die Wirtschaftlichkeit für die Anbieter von Mobilitätsdienstleistungen.

Auch die jeweilige Gesetzgebung eines Landes ist relevant für die Entwicklung von Mobilitätsdienstleistungen. So ist beispielsweise in Deutschland das Personenbeförderungsgesetz und in der Zusammenarbeit mit angestellten Fahrern, wie bei MOIA, auch das geltende Arbeitsrecht zu berücksichtigen. Anbieter von Mobilitätsdienstleistungen müssen entsprechend nicht nur anwenderfreundliche Lösungen für die Buchung ihres Services entwickeln und die Logistikfragen lösen, sondern auch rechtlich sehr erfahren sein oder sich umfassend beraten lassen. Kurz: Sie sind in einem Hightechbereich aktiv, der digitale Kompetenzen und eine hohe Finanzkraft für die erforderlichen Investitionen erfordert.

Solange Anbieter mit angestellten Fahrern operieren, können sie ihre Services unter wirtschaftlichen Aspekten heute nur in Ballungsräumen anbieten. Diese räumliche Beschränkung wird sich erst ändern, wenn autonomes Fahren möglich ist.

In Randbereichen von Städten können Mobilitätsdienstleister allerdings auch heute schon oft günstiger als der ÖPNV Mobilität ermöglichen.

Sie sind in einem hochkomplexen Markt aktiv. Wie gehen Sie mit dieser Komplexität um und welche Rolle können Kooperationen und Partnerschaften in Zukunft spielen?

Mobilitätsdienstleistungen bestehen aus einem integrierten Angebot aus Fahrzeug, App und dem physischen Erleben während der Fahrt. Über alle Dimensionen hinweg muss das Erleben des Verbrauchers konsistent sein. Von der Betriebsstruktur über die Fahrzeugflotte und deren Verteilung bis zur Optimierung des Leerfahrtenanteils sollten alle Bereiche definierten Standards unterliegen, um diese Konsistenz zu ermöglichen. Während wir in Deutschland das gesamte Geschäftsmodell in unserer Hand haben, hatten wir bei unserer Zusammenarbeit mit RATP & TFL (Transport for London) in London von vornherein ein anderes Erkenntnisinteresse: Da sind wir unter der Bedingung, dass der Flottenbetrieb nicht bei uns liegt, in eine auf zwölf Monate begrenzte Partnerschaft  eingestiegen, die gezeigt hat, dass eine solche Aufteilung in Flottenbetrieb einerseits sowie Steuerung der Buchungs- und Bezahlprozesse und der Streckenoptimierung andererseits erst möglich ist, wenn man das Geschäftsmodell vollständig durchdrungen hat. Zudem war diese Erfahrung wichtig, um die Internationalisierung des Geschäftsmodells unter Beweis zu stellen.

Grundsätzlich sind Kooperationen mit Partnern für ein breites Set an Anwendungsfällen denkbar, die vom Ladevorgang elektrisch betriebener Fahrzeuge bis zu Vertriebsaspekten reichen: Supermärkte oder Krankenhäuser könnten sowohl zum Laden der Fahrzeugbatterie angefahren werden als auch für das Absetzen und die Aufnahme von Fahrgästen. Hotellerie und Gastronomie sind sehr naheliegende, natürliche Kooperationspartner: Zum Dinner können Nutzer die Mobilitätsdienstleistung direkt hinzubuchen. Die Möglichkeiten für Kooperationen sind vielfältig und sie können helfen, Ridesharing bzw. Ridepooling-Angebote in deutschen Städten weiter auszubauen. Dennoch stehen wir damit noch am Anfang der denkbaren Entwicklung.

Next steps auf dem Weg zur Mobilität der Zukunft

Wird es in Zukunft eine App als Single Point of Entry für alle Mobilitätsdienstleistungen geben, so dass Nutzer einen besseren und strukturierten Überblick über ihre Fortbewegungsoptionen haben?

Schon heute integriert sich MOIA über Schnittstellen in öffentliche Plattformen, wie zum Beispiel Switch in Hamburg, die Mobilitätsapp mit der man hvv-Tickets kaufen und MOIA-Shuttles buchen kann. Denkbar sind im Hinblick auf Mobilitätslösungen der Zukunft zwei unterschiedliche Plattform-Modelle: entweder die Nutzung einer einzigen unabhängigen Plattform, die dann alle Mobilitätsservices vermittelt oder ein führender Mobilitätsdienstleister wird zugleich zum Plattformbetreiber. Allerdings hat sich das Geschäftsmodell für Mobilitäts-Plattformen noch nicht klar herausgebildet, sodass es auch im Hinblick auf Plattformen derzeit noch darauf ankommt, Erfahrungen zu sammeln.

Auch wenn das „Amazon der Mobilität“ noch nicht in Sicht ist, ist es für die breite Akzeptanz und den Erfolg neuer Mobilitätsdienstleistungen wichtig, dass sich die beste Plattform durchsetzt. 

Zum Abschluss unseres Gesprächs freuen wir uns über einen Ausblick auf die Entwicklung, die Sie für Ridepooling mit autonomem Fahren erwarten. Welche Chancen sehen Sie dafür?

Autonomes Fahren wird eine Divergenz des Angebots ermöglichen. Während wir Ridepooling heute lediglich in Ballungsräumen anbieten können, weil wir eine hohe Nutzerdichte benötigen, könnte autonomes Fahren die Erschließung von ländlichen Gebieten für neue Mobilitätsservices ermöglichen. Zudem reduziert autonomes Fahren die Komplexität von Mobilitätsangeboten, da für die Anbieter der gesamte Bereich des Fahrermanagements mit seinen Unwägbarkeiten entfällt. Die Verlässlichkeit von Mobilitätsdienstleistungen ist ein wesentlicher Aspekt für deren Nutzung. Autonomes Fahren wird noch größere Flexibilität ermöglichen.

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