Logistik: Auf kurzen Wegen zum Nachhaltigkeitserfolg

Es ist vorbei mit „business as usual“ für Transport- und Logistikunternehmen (T&L). Wer umweltfreundlicher und widerstandsfähiger werden will, muss Expertise in Data Analytics aufbauen, Erfahrungen in neuen Geschäftsfeldern sammeln und experimentierfreudiger werden.

Für T&L-Unternehmen war Nachhaltigkeit lange nur eine Frage der Compliance. Dieses Verständnis wandelt sich nun zu einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess. Angefangen hat dies bereits vor der Corona-Pandemie und auch danach geht es weiter. Im heutigen Zeitalter der Optimierung ist erfolgreich, wer Emissionen spart und Rohstoffe reduziert, wiederverwendet oder recycelt.

Das wird sich umso stärker zeigen, sobald die Pandemie überwunden ist. Schon im Mai 2020 hat die EU klimabezogene Fördergelder von 750 Milliarden Euro bereitgestellt, um die Nachhaltigkeit auf dem Kontinent zu stärken. Auch T&L-Unternehmen mit Potenzial für ökologisch-innovative Transformation könnten davon profitieren.

Für diese Transformation in T&L-Unternehmen spielen vor allem die folgenden fünf Faktoren eine Rolle.

1. Expertise in Data Analytics aufbauen und fördern

Auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit wissen Unternehmen meist nicht, wo sie anfangen sollen und welche Technologien für sie am wirksamsten sind – Robotik, Blockchain, Big Data oder Analytics. Erfolgreiche Firmen werben Fachpersonal an oder kooperieren mit Instituten, Universitäten oder Spezialanbietern. So können sie die Weichen richtig stellen. „Größere Unternehmen haben meistens eigene F&E-Teams“, so Remco Schoonderwoerd, Partner Transport & Logistics bei Mazars, „In den Niederlanden beispielsweise setzen jüngere oder mittelständische Unternehmen auf gut ausgebildete Nachwuchskräfte von nahegelegenen Universitäten.“

Schoonderwoerd unterstreicht auch, wie technische Expertise Unternehmen in Krisen – etwa einer Pandemie – widerstandsfähiger machen kann. „Unternehmen mit fortgeschrittenen Kompetenzen in Cybersicherheit oder IT sind besser aufgestellt, Fernarbeit einfacher und sicherer zu gestalten“, fügt er hinzu.

2. Daten in bisher unbekannten Geschäftsfeldern erheben

„Daten sind oft entscheidend für Nachhaltigkeit, da sie Schwächen in Unternehmen aufdecken, die sonst unbemerkt bleiben oder als selbstverständlich hingenommen würden“, so Michael Rofman, Partner bei Mazars. Unternehmen müssen also unkonventionelle Wege gehen, um Daten zu finden, die diese Lücken aufzeigen. So könnten z. B. mit KI-Technologie ausgestattete Fabriken den Stromverbrauch überwachen und Potenziale zur Effizienzsteigerung identifizieren. Im Verkehr könnte Geofencing genutzt werden, um Lieferzeiten, Leerlauf und Emissionen nachhaltig zu reduzieren.

3. Bestehende Lieferbeziehungen wirksam nutzen

Ein Beispiel, wie kleine und mittlere T&L-Unternehmen ihre Kunden einbinden können, um kurzfristig kostenintensive, nachhaltige Innovationen zu tätigen, die sich auf lange Sicht jedoch rentieren, liefert Schoonderwoerd: „Jeden Tag transportieren Schiffe leere Flaschen von Rotterdam zum nahegelegenen Heineken-Werk und bringen volle Flaschen wieder zurück. Bald wird das erste batteriebetriebene Schiff diese Reise antreten.“ Diese Innovation konnte sich das Logistikunternehmen nur leisten, weil es mit seinen Nachhaltigkeitszielen auf Heineken zugegangen ist und einen langfristigen Vertrag abgeschlossen hat. „Seine Ziele mit einem Kunden dieser Größenordnung zu teilen, gab dem Anbieter die Sicherheit, dass seine Investition in die neuen batteriebetriebenen Schiffe über einen längeren Zeitraum hinweg Gewinn bringen würde“, erklärt Schoonderwoerd. „Sonst wäre es schlichtweg zu teuer gewesen.“

Unternehmen die sich für mehr Nachhaltigkeit engagieren, werden auch andere Kooperationen finden. Die geringe Auslastung beim Transport mit Lkw, Zügen oder Schiffen ist immer wieder eine Herausforderung für Logistikunternehmen. Allerdings ist es unkompliziert, Käufer für solche Leerstände zu finden, wenn alle Beteiligten den Vorteil der Zusammenarbeit erkennen. Rofman erläutert: „Es findet sich immer häufiger andere Fracht, die auf dem Rückweg mitgenommen werden kann, mit entsprechendem Lastwert und passendem Ziel. So muss keiner unbeladen zurückfahren.“ Das Gleiche gilt für Lagerfläche. „Früher hatte der Besitzer einer Lagerhalle den Vorteil des gesicherten Zugriffs auf alle Lagerflächen. Heutzutage ist eine gemeinsame Anmietung günstiger, da man so flexibler auf kurzfristige Nachfrageschwankungen wie etwa durch Corona reagieren kann,“ so Rofman.

4. Mutig sein und mehr experimentieren

Laut Schoonderwoerd dürfen „Unternehmen, die Nachhaltigkeitserfolge anstreben, sich nicht scheuen, auch in Innovationen mit gewissem Risiko zu investieren. Man muss sich bewusst sein, dass einige davon erfolgreich sein werden.“ Einige Logistikunternehmen in den Niederlanden haben zum Beispiel ihre Emissionen mithilfe eines Überwachungstools für Lkw-Fahrer gesenkt. Die Fahrer wurden dadurch beispielsweise angeregt, sanfter zu bremsen. Das reduzierte den Reifenverschleiß und die Emissionen um insgesamt zehn Prozent.

„Momentan sind solche Innovationen in aller Munde: Gebäude mit Drohnen-Parkmöglichkeiten auf dem Dach, Handelsschiffe, die Treibstoffdaten für eine kontinuierliche Verbesserung sammeln und Lkw-Kolonnen, bei denen nur im vordersten Fahrzeug ein Fahrer sitzt, dem autonome Lkws folgen“, sagt Schoonderwoerd. „Sieben von zehn neuen Ideen sind Misserfolge, aber es lohnt sich dennoch.“

Auch im Geschäftsbetrieb kann experimentiert werden. „Um eine Route mit geringer Marge kosteneffizienter zu gestalten, fragt einer meiner Kunden bei seinen Mandanten nach, ob diese mehr tun können, um ihre Abfallstoffe ertragsfördernd wiederzuverwenden“, so Schoonderwoerd.

5. Von „business as usual“ Abschied nehmen

Unternehmen unterscheiden sich in Größe und Marktposition. Erfolgreiche Firmen etablieren Strukturen und Prozesse, um die für sie besten Lösungen zu finden. Auf dem Weg dahin könnte man Gespräche mit Kund*innen einleiten, zusammen mit benachbarten Betrieben Initiativen ins Leben rufen oder einfach eine innerbetriebliche Arbeitsgruppe bilden, die sich mit Brainstorming, neuen Arbeitsweisen oder der Zusammenarbeit mit Universitäten beschäftigt.

Letztendlich werden die Unternehmen Nachhaltigkeitserfolge erzielen, die vollständig verinnerlicht haben, dass „business as usual“ nicht mehr ausreicht. „Auftraggeber, Kundschaft, Investoren und Märkte werden Logistikunternehmen zunehmend nach ihrer Nachhaltigkeit beurteilen“, so Rofman. Um diesen steigenden Erwartungen gerecht zu werden, muss kontinuierliche Verbesserung die Compliance-Mentalität ablösen. Nachhaltigkeit ist mehr als nur ein abzuhakendes Kästchen: In den kommenden Jahren und Jahrzehnten ist sie die Chance für Experimente, Innovationen und Pionierarbeit.

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