Konsum oder Politik: Was hat mehr Einfluss auf den Mobilitätswandel?

Über die letzten zehn Jahre ist die Sorge um den Klimawandel in der breiten Bevölkerung angekommen: Nicht nur in vielen Ländern Europas, auch in Brasilien und Australien gilt er mittlerweile als akute Bedrohung. Naturkatastrophen – wie etwa die australischen Buschfeuer im Jahr 2020 – und Initiativen wie Fridays for Future lassen keinen Zweifel mehr an der Dringlichkeit des Problems. In diesem Artikel gehen wir der Frage nach, wie sich der Klimawandel auf das Verbraucherverhalten im Automobil- und Logistiksektor auswirkt.

Beim Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit liefern Politik und Gesetzgebung bisher größere Impulse als das reine Verbraucherverhalten. Es gibt jedoch Belege dafür, dass viele Verbraucher*innen ihr Kaufverhalten ändern würden – vorausgesetzt, der Preis stimmt. Im Logistikbereich hingegen zeigen Kundenwünsche und Nachfragestrukturen noch keine signifikanten Veränderungen.

Die Corona-Pandemie hat im Jahr 2020 dieses Bild allerdings ins Wanken gebracht. „Die plötzlichen Veränderungen im Verbraucherverhalten hätte niemand vorhersehen können“, sagt Louis Burns, Partner bei Mazars. „Nun kommt es darauf an zu erkennen, welche dieser Veränderungen von Dauer sein werden und welche nicht.“

Was ist uns Nachhaltigkeit wert?

Am Beispiel der Elektroautos sehen wir, wie hohe Kosten den Kundenwunsch nach mehr Nachhaltigkeit ausbremsen: In Europa und den USA sind Elektroautos noch deutlich teurer als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Dennoch findet eine Annäherung an die elektrische Zukunft statt: Im Juni 2020 waren 6 Prozent der in Großbritannien zugelassenen Pkw Elektroautos (verglichen zu einem Prozent im Vorjahr).

In der Logistikbranche ist der Druck zu mehr Nachhaltigkeit bislang weniger stark. Hier gehen die Veränderungsimpulse aktuell von engagierten Gesellschaftern oder sozialen Initiativen aus. „Beispielsweise gibt es in Norwegen eine wachsende Nachhaltigkeitsbewegung, die weltweit Aufmerksamkeit und Geldmittel erhält“, erklärt Rachel Lawton, Director bei Mazars. Teil dieser Bewegung ist das Ocean Opportunity Lab, eine Schnittstelle für Innovationen im Bereich der ökologischen Schifffahrt.

Solche ökologischen Veränderungen werden laut Richard Karmel, Managing Partner bei Mazars, zuerst in Europa und später in den USA sichtbar: „Wir wissen, dass Europa wirtschaftlich gesehen schon viel weiter ist als die USA. Das Engagement für ESG (Environmental Social Governance) wird in den USA offenbar nur von den größten Brands ernst genommen, wahrscheinlich weil diese selbst eher auf globaler als auf nationaler Ebene agieren.“

Karmel weist jedoch auf einen Generationenwechsel hin, der auch bei Mazars spürbar ist. „Wenn ich mir unsere Universitäts- und Schulabsolventen ansehe, wird ESG über die Jahre hinweg immer häufiger thematisiert.“ Zu diesem Schluss kommen auch große Meinungsumfragen. Wenn junge, nachhaltig denkende Menschen Carsharing-Angebote konsequenter nutzen, könnte das Konzept des Privatwagens langfristig in schwieriges Fahrwasser geraten.

Auch wenn die Präferenzen der Verbraucher*innen Produkte und Services im Automobil- bzw. Logistik-Sektor verändern, warnt Karmel: „Zwar wächst die Zahl der Verbraucherinnen und Verbraucher, denen ESG-Themen wichtig sind, aber sie sind noch immer in der Minderheit.“

Schnellerer Wandel durch Corona?

Diese Trends werden durch die Corona-Pandemie beeinflusst: „Die Pandemie hat den Aufstieg des Carsharings abrupt gestoppt“, so Burns. „Ohne aufwändige Reinigung ist es derzeit gar nicht möglich, sich ein Fahrzeug mit Fremden zu teilen. Autovermietungen beispielsweise müssen vor jeder Übergabe strenge Hygieneprozeduren befolgen und die Abstandsregeln einhalten. Ob dies das Carsharing langfristig ausbremst, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.“

Was sich jedoch schon abzeichnet: Wegen der Pandemie werden langfristig mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten. Das bietet während wirtschaftlicher Herausforderungen wie dem Lockdown sowohl für den Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer*innen kurzfristige Vorteile. Burns meint, dass deswegen das Kosten-Nutzen-Verhältnis eines eigenen Autos zugunsten von Sharing-Angeboten neu definiert wird.

„Das kann dazu führen, dass die Menschen überdenken, wie viele Autos sie wirklich brauchen und welche Fahrten sie tatsächlich unternehmen müssen. Wenn ich nur noch an zwei Tagen die Woche ins Büro fahre statt an fünf, könnte das nicht der Impuls sein, durch den On-Demand-Lösungen wie Taxis oder Mietwagen plötzlich attraktiv werden?“

Müssen die Zügel angezogen werden?

Derzeit behält die Politik  noch die Zügel in der Hand, um mehr Veränderungen anzustoßen als die Verbraucher*innen. „Wegen strengerer Verordnungen gegen Luftverschmutzung verändert sich gerade der Verkehr in Großstädten“, so Burns. „Die meisten dieser Vorschriften beabsichtigen, die fossilen Antriebe aus den Stadtzentren zu verdrängen. Im Umkehrschluss würde das weniger Parkplätze, mehr Platz für Fußgänger und breitere Radwege bedeuten.“

Dass ein Zurückrudern die Fortschritte zunichtemachen kann, zeigt das Beispiel Großbritannien. Dort hat man lange auf Subventionen für Hybridautos gesetzt. Welchen Effekt diese Maßnahme auf die Nachfrage hatte, war lange nicht klar – bis die Unterstützung 2019 eingestellt wurde und die Verkaufszahlen einbrachen. „Ohne die Subventionen fiel der Anreiz für die Anschaffung eines Elektroautos weg“, erklärt Burns.

Im direkten Vergleich hat Norwegen bei der Verbreitung von Elektrofahrzeugen deutlich die Nase vorn. „Seit den Neunzigern verfolgt die norwegische Regierung eine konsequente Strategie“, so Burns. „Besitzer*innen von Elektroautos genießen eine Reihe von Kostenvorteilen: Sie zahlen keine Kfz-Steuer, Maut- und Parkgebühren werden reduziert und beim Kauf entfällt die Mehrwertsteuer von 25 Prozent. Zudem hat die Regierung kräftig in die Ladeinfrastruktur investiert. Ein Elektroauto zu fahren ist in Norwegen deutlich einfacher und günstiger als in Großbritannien.“

Eine ähnliche Strategie ist im Transport- und Logistiksektor zu beobachten, meint Rachel Lawton. „Die International Maritime Organization hat neue Regeln zur Reduzierung des Schwefelgehalts von Schwerölen für Schiffsantriebe eingeführt. Schiffseigner, die sich nicht daran halten, können ihre Schiffe nicht mehr versichern und dürfen bestimmte Häfen sowie Wasserwege nicht mehr anfahren. Hier treiben also Gesetzgebung und Reputation den Wandel am ehesten voran.“

Lawton sieht aber auch einige Innovationen der Marktteilnehmer. „Maersk will seine Schiffsantriebe effizienter machen, Unternehmen wie Shell setzen im Bereich Kraftstoffverbrauch und CO2-Ausstoß auf neue Technologien“, erläutert sie.

Die Sorge um Klimaschutz und Nachhaltigkeit treibt viele Verbraucher*innen um. Sie würden nachhaltigere Verkehrsmittel bevorzugen, sofern diese kostengünstiger würden und leichter zu nutzen wären. „Da der Preis für Batterien und andere E-Komponenten kontinuierlich fällt, werden Verbraucherinnen und Verbraucher immer wichtiger für den Wandel hin zur Nachhaltigkeit“, schlussfolgert Karmel.

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