„Grünes Wachstum“: Chancen für die Automobilindustrie

Die Automobilindustrie steht unter Druck: neue grüne Politik, Gesetze und Förderprogramme verlangen mehr Nachhaltigkeit und weniger Emissionen. Gleichzeitig birgt das für die gesamte Automobilbranche Chancen für Neugeschäft und Image – wenn sie ihre bisherigen Produktionsprozesse und Preisstrukturen verbessert.

Laut der Internationalen Energieagentur (International Energy Agency, IEA) wurden im Jahr 2019 weltweit 2,1 Mio. Elektroautos verkauft – 6 Prozent mehr als 2018. Vom zweistelligen Wachstum der Vorjahre sind diese Zahlen jedoch weit entfernt. Gemessen am Gesamtumsatz machten Elektroautoverkäufe 2019 nur 2,6 Prozent aus.

Elektroautos sind die Zukunft, doch sind sie für die meisten – auch für viele vermeintlich grüne Verbraucher – zu teuer. Der Preis ist weiterhin das stärkste Kaufargument und Benziner oder Dieselautos machen hier immer noch das Rennen. Wer übernimmt also das Steuer und macht nachhaltige Autos bezahlbar? Das könnten die OEMs (Original Equipment Manufacturers) sein. Deren persönlicher Drahtseilakt besteht darin, neben den gesetzlichen Vorgaben auch die Bedürfnisse der Verbraucher zu erfüllen und dabei ihre eigene Kosteneffizienz im Auge zu behalten. Gelingt es ihnen, Autos grüner und zugleich erschwinglicher zu machen, ermöglichen sie „grünes Wachstum“ in der Automobilindustrie. Auch Zulieferer könnten Teil dieser grünen Welle sein.

Klare Ansagen der Politik

„Weltweit werden die Forderungen nach saubereren und effizienteren Fahrzeugflotten lauter“, erläutert Christian Back, Global Co-Head of Automotive Sector bei Mazars. Europa gebe dabei „immer strengere Auflagen und eine klare Fahrtrichtung” vor. Weiter führt er aus: „Gemäß den Verordnungen der EU müssen OEMs ihre CO2-Emissionen ab 2021 auf durchschnittlich 95 Gramm pro Kilometer senken. Ihre Flotten daran anzupassen und Strafzahlungen zu vermeiden, setzt sie immens unter Druck.“

So auch in anderen Teilen der Welt: „China verfolgt ebenfalls das 95-Gramm-pro-Kilometer-Ziel – wenn auch mit einer etwas längeren Frist bis 2025“, so Jean-François Salzmann, Managing Partner bei Mazars, China. Welchen Weg Brasilien eingeschlagen hat, erklärt Franciane Moraes, Senior Manager bei Mazars, Brasilien: „Mit einem landesweiten Förderprogramm sollen Biokraftstoffe im nationalen Energiemix die herkömmlichen Dieselkraftstoffe ablösen.“

Die konkreten Maßnahmen mögen von Land zu Land unterschiedlich sein, doch das Ziel ist für alle gleich: mehr Nachhaltigkeit. „Die tatsächliche Umweltverschmutzung findet jedoch in der EU-Verordnung keine Berücksichtigung“, merkt Back an. „Tatsächlich wurden die Umweltschutzziele schon jetzt erreicht, da die Emissionen durch die Corona-Pandemie wesentlich zurückgegangen sind. Vor dem Hintergrund weltweit rückläufiger gefahrener Kilometer sollten die OEMs keine Strafen für Verschmutzungen zahlen müssen, die es nie gegeben hat – zumindest nicht für 2020. Bisher gibt es jedoch keine Anzeichen dafür, dass die EU die OEMs von dieser Pflicht entbinden wird – auch nicht für ein oder zwei Jahre.“

Chancen entlang der Lieferkette

Die Unternehmen sollten die Wachstums- und Innovationschancen durch politische Regulierung erkennen. Diese Eingriffe orientieren sich an der steigenden Nachfrage am Markt – mit ungeahnten Möglichkeiten, die Produktionslinien, Lieferketten und Verkaufsflächen zu optimieren.

Weniger Emissionen in Produktion und Lieferkette

In Sachen Klimaneutralität sind die meisten OEMs schon bei der Umsetzung, erläutert Christian Back: So will zum Beispiel Volvo bis 2040 klimaneutral sein – und das nicht nur bei seinen Fahrzeugen, sondern auch innerhalb des Produktionsnetzwerks und des Geschäftsbetriebs. Andere folgen diesem Beispiel mit ähnlichen Zusagen, darunter Daimler, VW, Toyota und Ford. „Sie wollen zeigen, dass sie verantwortungsbewusst mit Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen umgehen“, erklärt Back. Durch Pionierarbeit und ehrgeizige Ziele können Unternehmen sich hier Wettbewerbsvorteile sichern – nicht nur für das eigene Geschäft, sondern über die gesamte Lieferkette hinweg.

Weniger Kraftstoffverbrauch durch leichtere Fahrzeuge

Effizienzsteigerung ist für alle Autobauer ein Kernthema. Immer wieder geht es dabei vor allem um die Reduktion von Fahrzeuggewicht und Kraftstoffverbrauch. „Die Pläne Made in China 2025 und Automobile Industry Mid- and Long-Term Development Plan etwa konzentrieren sich auf neue, leichtere Materialien, um die Kraftstoffeffizienz für den chinesischen Markt zu steigern. Auch alternative Antriebe sind hier ein Thema“, so Salzmann. Vom Scheinwerfer bis hin zum Reifen nehmen sich Automobilunternehmen weltweit jedes Teil vor, um den Verbrauch auf ein absolutes Minimum zu senken.

Mehr Nachhaltigkeit in Front Office und After Sales

Der Autokauf übers Internet statt im Autohaus könnte durch Corona weiter angekurbelt werden, erklärt Moraes: „Die Automobilunternehmen wissen um das Umsatzpotenzial der digitalen Kanäle. Gleichzeitig können Kontakte zwischen Kund*innen und Mitarbeiter*innen im Autohaus wirksam reduziert werden.“ Weniger Showrooms mit „Festbeleuchtung“ wirken sich zudem günstig auf den CO2-Fußabdruck aus. Käufer*innen, die Sonderausstattungen lieber individuell auswählen als ein Verkaufsgespräch vor Ort führen, könnten ohnehin digitale Kanäle bevorzugen. „Audi und Porsche haben über ihre Online-Plattformen bereits hunderte Fahrzeuge verkauft“, berichtet Back. „Für OEMs und Vertragshändler, die ihre Online-Plattformen optimal an die Bedürfnisse ihrer Kund*innen anpassen, stehen die Chancen gut.“

Mehr nachhaltige Fahrzeuge auf die Straße bringen

Die Königsdisziplin für Autobauer: Käufer*innen vom langfristigen Wert eines nachhaltigen Fahrzeugs zu überzeugen, trotz eines abschreckend hohen Kaufpreises. „OEMs müssen den Schwerpunkt mehr auf Themen wie Klima und Nachhaltigkeit legen“, so Grégory Derouet, Global Co-Head of Automotive Sector bei Mazars. „So können sie bei Kund*innen und Partner*innen ein Umdenken erreichen, während sie selbst Innovationskraft beweisen und die Entwicklung der eigenen Produkte in die richtige – eine grünere – Richtung vorantreiben.“

Mit Technologie zum Erfolg

Nicht nur OEMs haben bei der Umstellung hin zu mehr Nachhaltigkeit Vorteile. Back erläutert: „Kommt es bei OEMs zu einem Problem, geben sie es für gewöhnlich zu einem großen Teil an die Zulieferer weiter – und bieten ihnen zugleich ihre Unterstützung bei der Lösungsfindung an.“ Mit mehr Elektroautos im Portfolio und einem höheren Automatisierungsgrad werden Fahrzeugflotten maßgeblich neu entworfen.

Als Reaktion darauf werden „erfolgreiche Zulieferer rasch von einer produktionsorientierten auf eine technikorientierte Denkweise umschalten“, vermutet Jeremy Rice, Partner bei Mazars, USA. „Die Zukunft der Produktion liegt viel eher in der Technologie als im einzelnen Bauteil. Die bloße Rekrutierung von Ingenieur*innen macht noch kein Tech-Unternehmen. Auf dem Weg zum Marktführer müssen Zulieferer Start-ups aufkaufen und Übernahmen proaktiv angehen, statt bloß zu reagieren.“

Hier sind die Zulieferer bereits auf einem guten Weg. „Nach und nach erarbeiten sie sich neue Geschäftsfelder“, so Salzmann. „Faurecia, ein großer Zulieferer für Abgassysteme, hat sich mit Clean Mobility einen neuen Geschäftsbereich aufgebaut und dafür Tech-Unternehmen aufgekauft.“

Allmählich nimmt der Bedarf an nachhaltigen Fahrzeugen zu. Das Interesse der Kund*innen lässt sich jedoch nur steigern, wenn die Automobilindustrie an einem Strang zieht: Alle Marktteilnehmer müssen ihre Bauteile preiswerter produzieren, damit nachhaltige Fahrzeuge erschwinglicher werden. Gemeinsam können Autobauer, Zulieferer und Verkäufer so einen sicheren Markt für das „grüne Geschäft“ schaffen und die gesamte Branche nachhaltiger gestalten.

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