Umsetzung: Investor*innen wünschen sich systematisches und vollständiges Management von Nachhaltigkeit

Wie Unternehmen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance handeln, wird für professionelle Kapitalanleger*innen immer wichtiger. Anlageentscheider*innen haben nahezu flächendeckend Nachhaltigkeitskriterien in ihre Managementsysteme aufgenommen. Für ihre Analysen benötigen sie umfangreiche und aussagekräftige Daten.

Übersicht der drei Themen auf dieser Seite. Zur Navigation klicken:

Nachhaltigkeitsmanagement braucht ein System

So viel vorweg: Die Erwartungen der befragten Investor*innen an Unternehmen sind hoch. Systematisches Nachhaltigkeitsmanagement zu betreiben, ist eine komplexe Aufgabe. Das Unternehmen muss konkrete Nachhaltigkeitsziele erreichen, Rahmenbedingungen einhalten und Prozesse und Verantwortlichkeiten definieren. Um sicherzustellen, dass das geschieht, sollten Unternehmen ein eigenes Managementsystem für Nachhaltigkeitsthemen in der Unternehmenssteuerung verankern.

Die Unternehmen der befragten Investor*innen gehen offenbar mit gutem Beispiel voran. Neun von zehn der Befragten gaben an, bereits ein Nachhaltigkeitsmanagementsystem für ihre Investitions- und Anlageentscheidungen zu nutzen. Darin zeigt sich eine junge Entwicklung, die für wachsende Dynamik spricht: Die Mehrheit der Befragten hat ihr Nachhaltigkeitsmanagementsystem in den vergangenen beiden Jahren eingeführt. Nur jedes fünfte Unternehmen arbeitet schon seit drei Jahren oder länger mit einem solchen System.

Investitionsstrategien: verstärkter Fokus auf Chancen und Risiken

Investor*innen nehmen Nachhaltigkeitsaspekte immer stärker in den Blick. Um sie bei Investitionsentscheidungen beurteilen zu können, haben sie ihren Kriterienkatalog erweitert. Nicht-finanzielle Faktoren aus den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance spielen eine immer wichtigere Rolle. Die Studienteilnehmer*innen setzen auf verschiedene Strategien, um nachhaltige Anlagemöglichkeiten zu identifizieren.

Mit 46 Prozent legen die meisten Anlageentscheider*innen ihr Augenmerk verstärkt darauf, Nachhaltigkeitschancen und -risiken in die Finanzanalyse zu integrieren. ESG-Integration als strategischer Ansatz bedeutet: Die Entscheider*innen berücksichtigen bei der Unternehmensanalyse neben finanziellen Informationen verstärkt auch nicht-finanzielle Informationen. 43 Prozent der Befragten verfolgen die Strategie, in nachhaltige Themenfonds zu investieren. Diese umfassen Vermögenswerte, die auf konkrete soziale oder ökologische Herausforderungen abzielen und so nachhaltiges Handeln in bestimmten Bereichen fördern. Als Entscheidungsgrundlage bei nachhaltigen Investitionen dienen unter anderem ESG-Kriterien. Diese helfen dabei, Corporate Social Responsibility (CSR) von Unternehmen zu messen. CSR beschreibt das nachhaltigkeitsorientierte, verantwortungsvolle unternehmerische Handeln eines Unternehmens und damit den freiwilligen Beitrag zu einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung.

Welche der genannten Strategien Investor*innen bevorzugen, hängt stark vom Tätigkeitsbereich und von der Größe ihres Unternehmens ab. So lässt die Studie den Schluss zu, dass größere Unternehmen häufiger einen direkten Impact auf Nachhaltigkeit erreichen wollen. Impact Investment verfolgt das Ziel, messbaren Einfluss auf soziale und ökologische Faktoren zu nehmen. Von den Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeiter*innen geben 58 Prozent an, diese Strategie zu verfolgen. Ein hoher Anteil von 45 Prozent der Befragten aus großen Unternehmen beeinflusst Nachhaltigkeitsaktivitäten auch, indem Stimmrechte aktiv wahrgenommen werden, etwa auf Aktionärsversammlungen.

Mit Blick auf die Tätigkeitsbereiche fällt zudem auf, dass besonders Private-Equity-Gesellschaften auf Impact Investment setzen. Aus diesem Bereich gaben 57 Prozent der Investor*innen an, diese Strategie zu verfolgen – das sind 16 Prozentpunkte mehr als beim Durchschnitt aller befragten Anlageentscheider*innen.

Entscheider*innen erwarten einen systematischen Umgang mit Nachhaltigkeit von ihren Geschäftspartnern

Investor*innen erwarten, dass Unternehmen, mit denen sie eine Geschäftsbeziehung eingehen, das Thema Nachhaltigkeit systematisch steuern. Denn nur wenn diese Grundlage gegeben ist, können sie die Nachhaltigkeitsperformance eines Unternehmens zuverlässig bewerten.

Dabei kommt es Investor*innen insbesondere auf zwei Faktoren an: Erstens halten 90 Prozent der Studienteilnehmer*innen ein etabliertes Nachhaltigkeitsmanagementsystem für sehr wichtig oder eher wichtig. Zweitens legen 91 Prozent von ihnen Wert darauf, dass Unternehmen die gesamte Wertschöpfungskette systematisch einbeziehen, wenn es um Nachhaltigkeitskriterien geht. Dass Unternehmen vorgelagerte Lieferketten explizit berücksichtigen, finden 81 Prozent der Befragten relevant.

Schon jetzt spielen Lieferketten für Investor*innen eine wichtige Rolle, um die Nachhaltigkeitsperformance eines Unternehmens zu bewerten. Noch mehr Gewicht bekommt das Thema ab 2023, wenn das neue Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) mit verpflichtenden Sozialstandards in Kraft tritt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollten Unternehmen über ein Nachhaltigkeitssystem verfügen, das Nachhaltigkeitsfaktoren im Hinblick auf die gesamte Lieferkette dokumentiert und transparent macht. Verstoßen Unternehmen gegen das Gesetz, können sie mit Geldbußen belegt oder von öffentlichen Ausschreibungen ausgeschlossen werden. Darüber hinaus strafen auch Kapitalgeber ein solches Verhalten ab. Unternehmen, die besonders transparent über Liefer- und Wertschöpfungsketten berichten, haben also einen Wettbewerbsvorteil.

Anlage- und Investitionsentscheider*innen verlangen zunehmend von Geschäftspartnern ein umfassendes Managementsystem für Nachhaltigkeit, das über die Unternehmensgrenzen hinausreicht. Hier gibt es offenbar großen Nachholbedarf: Nur 37 Prozent der Befragten gaben an, dass mehr als die Hälfte ihrer Geschäftspartner ein Nachhaltigkeitsmanagementsystem etabliert hat. Ein Viertel der Befragten konnte den Anteil ihrer Geschäftspartner, die über ein etabliertes Nachhaltigkeitsmanagement verfügen, dagegen nicht einschätzen. Während also neun von zehn der Befragten selbst über ein Nachhaltigkeitsmanagementsystem verfügen, wie in in der Grafik oben zu sehen, müssen sie beim Großteil ihrer Geschäftspartner bislang darauf verzichten.

Studienleiter Kai Beckmann sieht den Nachholbedarf vor allem bei derzeit noch nicht berichtspflichtigen Unternehmen:

 „Große kapitalmarktorientierte Unternehmen mit über 500 Mitarbeiter*innen müssen bereits einen jährlichen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen, für die weit größere Zahl von mittelständischen Unternehmen gilt diese Pflicht noch nicht. Sie geraten allerdings zunehmend in Zugzwang – etwa durch den jüngsten EU-Entwurf der CSR-Richtlinie. Tritt die Reform in Kraft, müssen in Zukunft mehr als viermal so viele Unternehmen wie bisher über Nachhaltigkeit berichten. Hinzu kommt die neue inhaltliche Prüfungspflicht durch Abschlussprüfer*innen.“

 

Wirtschaft trifft auf Nachhaltigkeit

Zurück zur Hauptseite

Kontakt